Musicologica Olomucensia vol. 3, (1997):151-158

HARMONIEFELD

Vladimír Tichý

Diese Studie hat zum Ziel, nach der Krise der klassisch-romantischen Harmonik um die Wende vom 19. Zum 20. Jahrhundert, einen Schlüssel zur harmonischen Analyse der Musiksprache zu finden, also zur Analyse der Musik, die auf anderen Prinzipien aufgebaut ist als auf den Prinzipien einer tonalen funktionellen Harmonik, die bis zu dieser Zeit gültig waren. Beim Versuch, das Phänomen der Tonalität zu definieren, stellen wir fest, daß im Verlaufe der letzten 160 Jahren eine erhebliche Entwicklung durchlaufen wurde. Der Begriff der Tonalität wurde ursprünglich im Grunde als Synonym der Tonart (F. Fétis) verstanden, später als Relation aller Tonarten zu einer einzigen Haupttonart (H. Riemann, O. Šín). Die moderne Theorie verbindet die Tonalität mit der harmonischen Funktionalität (K. Janeček) und mit der zentrischen Hierarchie im Arbeitsbereich mit dem Tonmaterial (K. Risinger). Manche Komponisten nehmen an, daß die Bildung der tonalen Strukturen durch denselben Charakter der Bereinigung des Tonmaterials der europäischen Musik (A. Schönberg, I. Strawinsky) gegeben ist. Wir möchten also eine Musiksprache untersuchen, die sich im Material einer temperierten Chromatik entwickelt und bei der die Anwesenheit von der Kadenz zur Erreichung eines tonalen Charakters eines harmonischen Satzes nicht unbedingt notwendig ist. Als Benennung dafür, was wir hier erfassen möchten, schlagen wir den Terminus "Harmonienfeld" vor. Alle zu jedem beliebigen Zeitpunkt eines Zeitverlaufs einer Musikstruktur angeschlagenen Töne traten in das Harmoniefeld ein, das von den vorherigen Tönen gebildet wurde, und beteiligen sich gleichzeitig an der Bildung des Harmoniefeldes, in welches die nachfolgenden Töne eintreten. Der Analytiker hat zu ermessen, auf welchem Hierarchieniveau sich ein konkreter Ton, der in das Harmoniefeld eintritt, funktionell durchsetzen und bemerkbar machen wird. Die Ergebnisse einer solchen Analyse können bei der Erklärung vom Anzeichenhören der Tonalität auch in der Harmonie, die gewöhnlich als atonal bezeichnet wird, behilflich sein.

Published: June 11, 1997  Show citation

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Tichý, V. (1997). HARMONIEFELD. Musicologica Olomucensia3, Article 151-158. https://doi.org/10.5507/mo.1997.013
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