Musicologica Olomucensia vol. 2, (1995):85-109
DIE INVENTION(EN) JAN KLUSÁK
Einleitend wird an die doppelte Bedeutung des Wortes "Invention" erinnert: erstens "eine Fülle von Ideen, Originalität", zweitens dann "der Titel einer traditionellen, wenn auch eher marginalen Form". Der Gegenstand der vorliegenden Abhandlung ist eine Reihe von zehn Musikstücken, die unter der Bezeichnung "Inventionen" der tschechische Komponist Jan Klusák geschaffen hat (diese Bezeichnung wurde im Laufe der Zeit in der tschechischen Musik sozusagen zu seinem "Firmenschild"). Diese Reihe von Kompositionen bildet den Ort der radikalsten Experimenten Klusáks mit der Musiksprache und gleichzeitig ein gewisses "centrum securitatis" seines ganzen Schaffens und gewissermaßen auch eine der bedeutenden Entwicklungsachen der zeitgenössischen tschechischen Musik. Klusák zeigt sich in diesen Kompositionen wirklich als ein Autor mit Erfindungskraft.
Mit Rücksicht darauf, daß der Aufsatz vorwiegend dem nicht-tschechischen Leser mit Interesse für die zeitgenössische tschechische Musik bestimmt ist, bringt der Autor einleitend eine Übersicht der bisherigen Literatur über Klusák und einen Versuch des Gesamtbildes dieses Komponisten. Klusák (geb. 1934) ist ein eigenartiger Fortsetzer der Tradition bedeutender, durch den Prager genius loci geprägter komplizierter Persönlichkeiten (Kafka, Kisch, Brod). Dies ist auch durch seine Herkunft und Orientierung gegeben: hier mischen sich eigentümlich tschechische, jüdische, katholische, liberale und antikommunistische Elemente. Klusák widmete sich nie der Musikinterpretation oder pädagogischen Tätigkeit, fiel jedoch als ein eigenartiger Musikpublizist und sogar Filmschauspieler auf. Obwohl er sich vor allem auf die sogenannte E-Musik konzentrierte, schuf er auch eine Reihe Partituren für Film, Fernsehen und Theater, in denen er die Fähigkeit bewiesen hat, auch ein breiteres Publikum durch eine raffiniert einfache, jedoch um so mehr wirkungsvolle Musik anzusprechen.
Den Kern des Aufsatzes bildet eine detaillierte Betrachtung der losen Reihe von zehn Inventionen (die neunte blieb bisher unvollendet), die in den Jahren 1961-1992 entstanden sind. Außer elementaren Informationen über einzelne Inventionen (Entstehungsdaten, Besetzung, Aufführungsdauer, Uraufführung, Aufnahmen, Ausgaben) wird versucht, auch auf die musikalisch-konstruktive, ästhetische und axiologische Problematik dieser Kompositionen hinzuweisen, wobei auch veröffentlichte Ansichten des Komponisten verwendet werden. Dieser Teil mündet in einen Versuch, das Aufbauprinzip der Inventionen, wie es im Laufe deren Entstehung kristallisierte, zu erläutern. Auch hier konnte die eigene Deutung des Komponisten zum Teil verwertet werden.
Zum Schluß des Aufsatzes versucht der Autor, einige Züge des persönliche Stils des Komponisten zu charakterisieren und hebt insbesondere die Folgerichtigkeit in der Anwendung der rationellen schöpferischen Verfahren, die Übertragung der Gesetzmäßigkeit einer Tonreihe auf die Ebene des formalen Aufbaus, die Betonung der Aufgabe des isolierten Details, de Fähigkeit des Komponisten, in der Wahrnehmung des Hörers die an seine Erfahrung appellierenden musikalischen Strukturen solchen von einer ungewöhnlichen Konstruktion initiativ gegenüberzustellen, usw. hervor. Die Inventionen Klusáks stellen - zumindest im Kontext tschechischer Musik - ungeachtet aller Unterschiede in der Besetzung, Umfang usw. - eine ungewöhnlich konsequente Verwirklichung des gewählten schöpferischen Prinzips.
(Deutsch von Milan Pospí¹il)
Published: June 11, 1995 Show citation
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